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Vielleicht schon im Sommer dürfen Elektro-Tretroller über deutsche Straßen und Radwege brausen. Gibt es demnächst weniger Staus und schlechte Luft in den Städten? "Mobilität an sich wird immer differenzierter und individualisierter, es gibt immer mehr Optionen", sagt Martin Kagerbauer vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die sogenannten E-Scooter seien aber nur einer von sehr vielen kleinen Bausteinen. "Sie allein werden nicht die große Mobilitätswende herbeirufen."

Ein bisschen habe sich das Verhalten von Verkehrsteilnehmern bereits geändert. Es werde multimodaler - die Menschen nutzten auf ihren Wegen mehr Verkehrsmittel - und auch intermodaler. "Das heißt, es werden auf einem Weg verschiedene Verkehrsmittel kombiniert." Auch wenn diese Entwicklung bisher nur ein sehr zartes Pflänzchen sei: "Mit einer großen Vielfalt an Mobilitätsoptionen steigt die Chance, die Leute tatsächlich vom eigenen Auto wegzubekommen."

Zügige Umsetzung

Der Bundesrat hatte am Freitag den Weg für eine Zulassung der E-Scooter mit maximal 20 Kilometern pro Stunde frei gemacht. Die Bundesregierung will die Änderungen nun zügig umsetzen, nötig ist noch ein Kabinettsbeschluss.

Grundsätzlich sei es aus verkehrsplanerischer Sicht wünschenswert, alle verfügbaren Systeme optimal auszulasten, sagt Kagerbauer. "Es bringt nichts, wenn die U-Bahn voll ist und der Radweg leer." Wie in anderen Bereichen sei Monokultur auch beim Verkehr nicht gut. "Leihsysteme für E-Scooter oder E-Bikes tragen zur Vielfalt bei." Allerdings sei gerade beim Leih-E-Scooter derzeit noch nicht absehbar, für welche Wege er letztlich genutzt werde.

Umweltfreundliche Alternative?

Genau das aber ist entscheidend dafür, ob die Geräte tatsächlich eine so umweltfreundliche Alternative sind wie erhofft. "Ein E-Roller kann Sinn machen, wenn das Auto oder Motorrad damit ersetzt wird", sagt Jens Peters vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT. Zu begrüßen sei auch, wenn der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel erleichtert werde - etwa, weil der letzte Kilometer von daheim bis zur Haltestelle oder von dieser bis zum Büro damit überbrückt wird.

Sei der Nutzer zuvor aber zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder einem Fahrrad unterwegs gewesen, falle die Bilanz nicht gut aus, sagt Katrin Dziekan, Fachgebietsleiterin Umwelt und Verkehr beim Umweltbundesamt (UBA). "Das Label "umweltfreundlich" kann nur drauf, wenn Autofahrten ersetzt werden." Genau das aber ist aus Sicht der Experten noch fraglich.

Energieintensive Akkus

Die Akkus der motorisierten Tretroller enthalten Kobalt, Nickel und andere Rohstoffe, deren Gewinnung häufig mit großen Umweltbelastungen verbunden ist, wie KIT-Experte Peters erklärt. "Hinzu kommt, dass die Herstellung der Akkus sehr energieintensiv ist." Gerade im Hauptherstellerland China stamme ein Großteil dieser Energie noch immer aus Kohlekraftwerken. Die Erfahrung zeige zudem, dass die Akkus solcher aus billiger Massenproduktion stammenden Kleinfahrzeuge oft schnell defekt seien, ergänzt Kagerbauer.

Bei den Leih-E-Scootern kommt hinzu, dass ganze Flotten von Akkusammlern mit dem Auto oder Lieferwagen durch die Städte fahren müssen: Sie tauschen an den Rollern leere Batterien aus oder nehmen die Fahrzeuge mit, um die Akkus an Ladestationen daheim oder beim Unternehmen zu hängen und die Roller später wieder auszusetzen. Neben einem Bonus fürs Aufladen erhalten sie Peters zufolge einen weiteren, wenn sie die Scooter wieder an vorgegeben Stellen platzierten - wofür eine weitere Fahrt ansteht.

"Nur" ein Hype?

Angaben zur Haltbarkeit der bisher eingesetzten Leih-Roller gibt es kaum, von Anbietern ebenso wenig wie von Herstellern. Oft sind es wohl nur wenige Wochen bis Monate - nicht nur wegen der eher geringen Qualität, sondern auch wegen mutwilliger Zerstörung. Erfahrungen aus den USA weisen darauf hin, dass der Elektroschrott-Müllberg aus E-Scootern absehbar rasant wachsen dürfte. Das aber - zumindest bei den Leih-Fahrzeugen - vielleicht nur für kurze Zeit: "Sie sind ein Hype", glaubt Peters. Wahrscheinlich blieben in den meisten Städten letztlich nur wenige übrig, und wenn, dann vor allem in Touristengegenden.

Die Nutzung von Privatrollern wird Kagerbauer zufolge langfristig vor allem auch von der angebotenen Infrastruktur abhängen. "In vielen Städten wie Berlin hat man bisher verpasst, dass Radwegesystem so auszubauen, dass die Leute gerne darauf umsteigen." Beispiele wie Karlsruhe zeigten, dass eine für Radfahrer - und damit auch E-Scooter-Fahrer - günstige Infrastruktur großen Einfluss darauf hat, den Anteil der Nutzer deutlich zu erhöhen.

Der Preis ein Vorteil

Prinzipiell müsse klar sein: "Es ist eigentlich recht einfach, die Leute zum Umsteigen weg vom privaten Auto zu bekommen." Der Schlüssel sei ein Angebot, dass als passend und nicht zu teuer empfunden werde, so der Verkehrsexperte. Dazu gehörten neben vielfältigen Möglichkeiten und der Infrastruktur gut verzahnte Angebote auch mit dem Öffentlichen Verkehr - "dass der Bus nicht nur alle Stunde fährt oder ich jedes Mal einen Anschluss nicht bekomme".

Im Vorteil seien der Öffentliche Nahverkehr und andere Mobilitätsangebote auf jeden Fall beim Preis - spätestens dann, wenn man den Kaufpreis und andere laufende Kosten des eigenen Autos mit einrechne, betont Kagerbauer. "Rational war das Auto noch nie."