- Bildquelle: Swedish Coast Guard/dpa © Swedish Coast Guard/dpa

Das Wichtigste in Kürze:

  • Experten vermuten Russland hinter Anschlägen auf Gaspipelines
  • Putin wolle Signal an den Westen senden
  • Inzwischen viertes Leck in Nord-Stream-Leitungen bestätigt

So ist es für den Sicherheitsexperten Johannes Peters "relativ unwahrscheinlich", dass die Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 durch Unfälle entstanden sind. Er vermutet stattdessen Russland hinter den Sabotageakten. Doch warum sollte der Kreml den Befehl gegeben haben, seine eigenen Leitungen zu zerstören? Im ARD-"Morgenmagazin" greift der Experte vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel am Donnerstag diesen Einwand auf: "Das wirkt vordergründig natürlich etwas widersinnig, die eigenen Pipelines zu zerstören." Es gebe aber durchaus gute Gründe für Russlands Vorgehen.

Experte vermutet Russen hinter Sabotage

Zum einen wolle Moskau ein "starkes Signal" an Europa, insbesondere an Polen und Deutschland senden, so Peters. Dieses Signal solle bedeuten, dass man dasselbe auch mit Pipelines machen könnte, die für unsere Versorgungssicherheit deutlich wichtiger seien, etwa die Pipelines aus Norwegen: "Also seid euch mal nicht so sicher, dass ihr für den Winter gut aufgestellt seid und dass ihr in der Lage seid, unser Gas zu kompensieren."

Peters sieht ein weiteres triftiges Argument, warum die Regierung von Kremlherrscher Wladimir Putin hinter der Sabotage steckt. Damit man in diesem Winter "die noch intakte Nordstream-2-Röhre dazu nutzen kann, um Druck auf Deutschland zu erhöhen, wenn beispielsweise der innenpolitische Druck auf die Regierung wachsen sollte, weil die Gaspreise hoch sind, weil wir vielleicht doch nicht genügend Gas haben für den Winter." Moskau könne dann anbieten, durch die noch intakte Leitung Gas zu liefern. Würde Deutschland darauf eingehen, müsste es aber "aus dem westlichen Sanktionsregime ausscheren", so Peters weiter.

Putin will Signal an den Westen senden

Auch Politwissenschaftler Carlo Masala hält Russland für den wahrscheinlichen Drahtzieher hinter den Anschlägen auf die Pipelines. "Ich gehe mal davon aus, dass es die Russen gewesen sind", sagte der Professor der Universität der Bundeswehr in München dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND). Ziel sei vermutlich, "Verwirrung im Westen zu stiften". Wie Peters vermutet Masala, dass Putin ein Signal an die westlichen Staaten senden wollte. "Ein Anschlag würde aus russischer Perspektive zwar keinen Sinn machen, weil er nicht nachhaltig wäre. Es wäre aber ein Zeichen an den Westen: Wenn wir das können, dann können wir auch eure Unterseekabel hacken. Meine Empfehlung wäre deshalb, die Unterseekabel zu beobachten und zu schützen.“ Über Unterseekabel läuft ein Großteil unserer Telekommunikation.

Viertes Leck in Gaspipelines entdeckt

In der Nacht zum Montag war zunächst in einer der beiden Röhren der nicht genutzten Pipeline Nord Stream 2 ein starker Druckabfall festgestellt worden. Später meldete der Nord-Stream-1-Betreiber einen Druckabfall auch in diesen beiden Röhren. Dänische Behörden entdeckten zunächst insgesamt drei Lecks an den beiden Pipelines. Inzwischen wurde sogar ein viertes Leck festgestellt. Die Kommandozentrale der schwedischen Küstenwache bestätigte der dpa, dass sich zwei Lecks in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Schwedens und zwei in derjenigen Dänemarks befänden. Bislang war immer  von drei Lecks die Rede gewesen, auch von Regierungsseite - zwei in der Wirtschaftszone Dänemarks und eines in der von Schweden. Nach einem Bericht der schwedischen Zeitung "Svenska Dagbladet" sollen sich die beiden Lecks in schwedischen Gewässern dicht beieinander in der Nähe von Simrishamn befinden.

Mehrere Länder brachten bereits am Dienstag einen Anschlag auf die europäische Gasinfrastruktur als Ursache für die als beispiellos geltenden Schäden ins Spiel. Die EU und die Nato gehen von Sabotage aus. US-Außenamtssprecher Ned Price sagte, die US-Regierung wolle keine Mutmaßungen über mögliche Hintermänner einer Sabotage-Aktion anstellen, bis Untersuchungen an den Erdgasleitungen abgeschlossen seien. Moskau hatte am Mittwoch Spekulationen über eine russische Beteiligung an der Beschädigung der Pipelines als "dumm und absurd" abgetan.

Putin selbst spricht von "Terroranschlag"

Wladimir Putin selbst hat die Lecks an Nord Stream 1 und 2 als einen "Akt des internationalen Terrorismus" bezeichnet. Nach Kremlangaben sprach der russische Präsident am Donnerstag bei einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan von einer "beispiellosen Sabotage" gegen die Gasleitungen von Russland nach Deutschland. Russland habe dazu für diesen Freitag eine Dringlichkeitsdebatte im UN-Sicherheitsrat beantragt, gab Putin demnach an.

Die russische Generalstaatsanwaltschaft hatte wegen der mutmaßlichen Sabotage an den Pipelines am Mittwoch ein Verfahren wegen internationalen Terrorismus eingeleitet. Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach hatte bereits von einem "Terrorakt" gesprochen- Wladimir Putin hatte sich bisher jedoch noch nicht so klar geäußert.

Verwendete Quellen:

  • RND
  • dpa