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David Lewin versagt die Stimme. "Ich muss die Tränen runterschlucken", sagt der 94-Jährige mit dem violetten Rhombenpullover leise. "Die Schmerzen, die man mir damals zugefügt hat, die tun mir heute noch weh." Dann erzählt er, wie er mit 17 Jahren im deutschen Konzentrationslager Auschwitz seinen Bruder verlor. "Sie haben ihn einfach erschossen, ich weiß bis heute nicht, warum. Das lässt mich nicht mehr los." Lewin ist in Warschau geboren, nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto wurde er mit seinem Bruder zunächst ins Konzentrationslager Majdanek deportiert, später kamen beide nach Auschwitz.

Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee ist Lewin zurückgekehrt in das ehemalige deutsche Konzentrationslager. Er zählt zu den 200 Überlebenden, die bei der Gedenkstunde dabei seien werden. Zeitzeugengespräche sind rar geworden. Die früheren Häftlinge sollen im Mittelpunkt stehen, betont daher Piotr Cywinski, Direktor des Museums Auschwitz-Birkenau: "Wir machen das mit ihnen, für sie und ihretwegen." Und eines ist den Überlebenden besonders wichtig: Sie wollen die Erinnerung wachhalten an das unfassbare Grauen und die nationalsozialistischen Verbrechen.

"Das lässt mich nicht mehr los"

"Ich erinnere mich an alles, was mir da passiert ist", sagt Igor Malickij (94). Der hagere, temperamentvolle Mann aus Charkiw trägt seine Häftlingsjacke über seinem Anzug. Mit 17 Jahren sei er in Auschwitz eingeteilt worden, die Leichen aus der Gaskammer zu holen. Neben einer toten nackten Frau habe er plötzlich ein Kind herumkrabbeln sehen, das offenbar von dem Gas nicht getötet worden war. "Ich sagte: "Herr SS-Mann, das Kind ist noch nicht tot"." Der Scherge habe das Kind mit dem Kopf gegen den Boden geschlagen und auf den Haufen geworfen.

Wie viele Menschen in Auschwitz-Birkenau, dem größten deutschen Vernichtungslager, ermordet wurden, lässt sich wahrscheinlich nie genau feststellen. Tausende wurden von den Deportationszügen direkt in die Gaskammern geschickt, bekamen nicht einmal eine Lagernummer. Fest steht: Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz vergast, zu Tode geprügelt oder erschossen, sie starben an Krankheiten oder verhungerten.

Als Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, fanden sie dort noch rund 7500 Häftlinge, darunter 500 Kinder.

Auch diejenigen, die Auschwitz als Kinder überlebten, sind für ihr Leben traumatisiert. Maria Hörl hat keine Erinnerung mehr an das Lager, in das sie als knapp Zweijährige deportiert wurde. Die Erinnerung setzt erst nach der Befreiung ein, als sie in einem Waisenheim landet. "Ich hatte kein Geburtsdatum, keinen Vornamen und keinen Nachnamen - aber ich war da", sagt die heute 77-Jährige.

Aus Angst immer lange Ärmel

Maria Hörl wurde von einer polnischen Familie adoptiert. Erst viele Jahre später fand sie ihre richtige Familie, erfuhr, dass sie aus einem weißrussischen Dorf stammt und ihre Mutter den Holocaust überlebt hat. Das Grauen lässt sie trotzdem nicht los: "Ich hatte immer Angst, dass jemand erfährt, dass ich im Lager war. Deshalb trage ich immer lange Ärmel, damit man die eintätowierte Nummer nicht sieht."

Als die Rote Armee immer näher an Auschwitz heranrückte, brachen die SS-Wachen mit Zehntausenden Häftlingen zu den sogenannten Todesmärschen Richtung Westen auf. David Lewin wurde im Januar 1945 mit anderen Gefangenen in Kohlewaggons ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Dort erlebte er die Befreiung durch die Amerikaner. "Ich stand da, und das Gefühl von Freiheit hat mich erstmal gar nicht berührt," erinnert er sich. Zwei Jahre habe er nach der Hölle von Auschwitz gebraucht, um wieder gesund zu werden.

Doch was passiert in ein paar Jahren, wenn auch die letzten Überlebenden gestorben sind und ihre Erinnerung nicht mehr teilen können? Polens Oberrabbiner Michael Schudrich sieht die Zuhörer in der Pflicht. Jeder, der heute die Geschichte von auch nur einem Überlebenden höre, habe die Verantwortung, die Geschichte zu erinnern und sie anderen zu erzählen, sagt Schudrich. "Wir sind jetzt das Gedächtnis der Überlebenden."