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Wo liegt das Problem mit manchen Denkmälern und Straßennamen?

Der gewaltsame Tod des US-Amerikaners George Floyd hat weltweit Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt ausgelöst. Als ein wichtiges Antirassismus-Zeichen sehen Demonstranten die Beseitigung mancher Denkmäler und Straßennamen.

Die Argumentation der Protestierenden: Die Ehrung trifft in einzelnen Fällen Persönlichkeiten, die in Verbindung mit Diskriminierung, Ausbeutung oder sogar Ermordungen stehen. Zu ihnen zählen selbst bekannte Namen wie Christoph Columbus oder Martin Luther.

bristol

In Bristol (England) störten sich Kritiker schon länger an der Statue vom dort geborenen Edward Colston (1636–1721). Am 7. Juni 2020 versenkten Aktivisten sie im Hafenbecken. Colstons Spenden für Schulen und Krankenhäuser stand entgegen, dass er als Sklavenhändler für die Königlich-Afrikanische Gesellschaft insgesamt etwa 80.000 Menschen versklavte.

Diese Monumente stehen in der Kritik

bristol

Am 10. Juni 2020 haben Aktivisten in Saint Paul (USA) eine rund 3 Meter hohe Bronzefigur von Christoph Columbus (1451-1506) umgestoßen. Der Seefahrer gilt als der Entdecker des amerikanischen Kontinents. Kritiker sehen in ihm einen Wegbereiter der Kolonialisierung und der Tötung zahlloser Ureinwohner. Seine Verantwortung dafür ist unter Historikern umstritten.

hamburg

Bereits in den 1960er-Jahren ging es dem Denkmal von Hermann von Wissmann (1853-1905) in Hamburg an den Kragen. Der Afrikaforscher ist etwa wegen seiner grausamen Strafexpeditionen im 19. Jahrhundert berüchtigt. Als Strafe ging er militärisch gegen die Bevölkerung der Kolonien vor. Heute ist das Denkmal in Ausstellungen zu sehen, zum Beispiel wie hier 2018 in Hamburg.

belgien

In Belgien haben Aktivisten das Denkmal des früheren Königs Leopold II. (1835-1909) mit pinker Farbe beschmiert. Nachdem ein Denkmal in Antwerpen nach Protesten bereits entfernt wurde, fordern Kritiker auch die Beseitigung dieser Statue. König Leopold II. hatte im Kongo ein Kolonial-Regime errichtet, das als eines der gewalttätigsten der Geschichte gilt.

martinluther

Martin Luther (1483 – 1546) ist vor allem als Reformator der christlichen Kirche bekannt. Was oft zu kurz kommt: Luther was auch ein Antisemit, der für seinen Judenhass auch öffentlich einstand.

straße

In vielen deutschen Städten gibt es noch Straßennamen mit Bezug zur Kolonialgeschichte. Durch Berlin etwa läuft die Lüderitzstraße. Sie erinnert an Adolf Lüderitz (1834-1886), der ab 1883 durch Betrug Landbesitz im heutigen Namibia ergaunerte.

Wer entscheidet in Deutschland eigentlich über Denkmäler und Straßennamen?

Die Denkmalpflege ist eine Sache der Bundesländer. Jedes Bundesland hat dafür ein eigenes Denkmalschutzgesetz.

Die Vergabe von Straßennamen ist eine Angelegenheit der einzelnen Gemeinden. Meist stimmen Gemeindevertreter schon über die Namen ab, während die Bebauungspläne erst erstellt werden.

Auch Bürger können sich an der Namensvergabe beteiligen. Zum Beispiel kannst du einen Vorschlag zur Abstimmung durch eine Nachricht ans Rathaus schicken.

Ein Straßenname muss jedoch bestimmte Kriterien erfüllen: Erstens muss er eindeutig sein. Er darf also nur einmal pro Gemeinde vorkommen. Zweitens sollte ein Name wie "Uferstraße" auch in Bezug zur tatsächlichen Lage stehen. Schließlich dienen Straßennamen vor allem der Orientierung.

Dann weg damit? So einfach ist es nicht

Denkmäler und Straßennamen sind ein Teil der Identität einer Stadt. Sie sind ein Symbol für gemeinschaftliche Sichtweisen. Darum gehen solche Ehrungen von bedeutenden Personen auch grundlegend alle Bewohner etwas an. Um dich für oder gegen sie auszusprechen, solltest du jedoch ein paar Punkte bedenken.

Andere Zeiten, andere Sitten

Gesellschaftliche Werte und Haltungen wandeln sich im Laufe der Zeit. Was aus heutiger Sicht als ein Beispiel für alltäglichen Rassismus zählt, haben Menschen vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten mit einem anderen Zeitgeist wohl nur selten so wahrgenommen.

Bei der Bewertung einzelner Fälle helfen vor allem Stimmen aus der Wissenschaft. Historiker, Sprachwissenschaftler und Philosophen verstehen sich zwar nicht als Kultur- oder Sprachpolizei. Die Erkenntnisse aus ihrer Forschung zu historischen Persönlichkeiten sind bei deren Einschätzung aber wesentlich. Jeder Fall liegt dabei anders und braucht eine eigene Bewertung.

kant

Manchmal ändern sich Meinungen zu historischen Persönlichkeiten im Laufe der Zeit. Einige Historiker fordern etwa auch eine Neubewertung von Immanuel Kant (1724–1804). Durch seine "Kritik der reinen Vernunft" gilt der deutsche Philosoph als einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärung. Er habe in seinen Schriften jedoch womöglich auch den europäischen Rassismus mitbegründet.

Ein grundsätzlicher Vorschlag nicht nur von Wissenschaftlern, sondern auch von Antirassismus-Demonstranten: Gemeinden sollten eher Opfern und Menschen, die sich für sie eingesetzt haben, gedenken. Mahnmale wie etwa das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin zeigen, dass Ehrungen nicht nur der Selbstverherrlichung dienen müssen.

Rassismus betrifft uns alle

Mindestens genauso wichtig ist allerdings: Denkmalstürze und Namensänderungen allein lösen das Rassismus-Problem nicht. Unerlaubte Denkmalstürze wie der in Bristol, den du oben gesehen hast, sind letztlich eine Form von Vandalismus.

Auch bedeutet eine Beseitigung von Monumenten nicht, dass die historischen Personen vergessen werden sollten. Im Gespräch zu Hause oder im Klassenraum müssen auch die Verbrecher der Geschichte kritisch thematisiert werden. Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Für eine tolerantere und solidarischere Welt kann im Alltag jeder seinen Beitrag leisten.