- Bildquelle:  IMMO FUCHS / Immo Fuchs © IMMO FUCHS / Immo Fuchs

Herr Müller, Sex gilt als großes gesellschaftliches Tabu. Warum ist das so?

Nackter als beim Sex kann man nicht sein. Nicht nur, weil man keine Klamotten trägt – auch auf der Gefühlsebene. Wenn man beim Sex alle Hemmungen fallen lässt, bekommt man kaum mit, was um einen herum geschieht. Man fühlt sich quasi schutzlos. Hinzu kommt die Sprachlosigkeit der eigenen Eltern zum Thema, die sie wiederum von ihren Eltern gelernt haben. Wenn ich als Kind wahrnehme, dass niemand über Sex spricht, löst das das in mir ein Gefühl aus, dass ich ein Leben lang weitertrage. Das ist das Ergebnis von Erziehung.

Man könnte meinen, heute wäre das Sex-Tabu längst abgeschafft. Stimmt das nicht?

Sexualität war noch nie so frei verfügbar: Pornos im Netz, Werbeplakate in den Innenstädten und Sex in den Medien. Aber darüber zu sprechen, traut sich keiner. Es ist interessant, dass Sexualität immer noch den Schmuddel-Gedanken auslöst. Nach dem Motto: Was sollen die Leute denken? Genau deshalb finde ich Formate wie das "Sex-Seminar" gut, weil ich glaube es braucht 2020 mehr Aufklärung denn je. Der Druck in Bezug auf Sexualität, der auf Menschen aller Altersstufen lastet, ist sehr groß geworden. Deswegen braucht es Aufklärung. Menschen sollten Sachinformationen bekommen können. Um so bewusste Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität treffen zu können.

Die Debatte um die Gleichstellung von Mann und Frau, ist immer noch nicht beendet. Auch bei dem Thema Sex scheint es so, als wäre für Frauen das Tabu größer als für Männer. Warum?

Grundsätzlich würde ich keinen Unterschied machen. Der liegt in der Erziehung und Sozialisierung, wodurch ein Unterschied in den Geschlechterrollen entsteht. Das beginnt schon im Kindergarten- oder Kleinkindalter an. Bei Jungs wird das Geschlechtsteil klarer benannt als bei Mädchen und positiv bewertet. Es wirkt dann z.B. lustig, wenn kleine Jungs im Garten pinkeln oder ähnliches. So entsteht bei ihnen eine größere Identifikation mit ihrem Körper und Intimbereich. Bei Mädchen kommen klare Begriffe wie Vulva oder Vagina erst einmal nicht zur Sprache. Das sind frühe Faktoren, warum Mädchen schneller auf eine schambesetzte Ebene umsteigen. Besonders wenn sie Sätze hören, wie "Tu deine Hand da untenrum weg". So entsteht ein anderes Grundgefühl zu diesem Thema.

Woher kommt es, dass der männliche Orgasmus und die Selbstbefriedigung im Vergleich zur weiblichen, populärer ist und gesellschaftlich offen darüber gesprochen wird?

Auch hier kann man Sex als ein Puzzleteil eines gesamtgesellschaftlichen Themas sehen. Wie ist denn grundsätzlich die Rolle der Frau in der Gesellschaft? So lange wir immer noch in einem Land leben, wo eine Frau bei ein und demselben Job weniger verdient als ein Mann, werden wir noch einiges zu tun haben. Im sexuellen Bereich eben auch. Das geht weiter bei Menstruationsprodukten oder bei Hygieneartikeln wie Rasierer. Warum ist der Nassrasierer für eine Frau teurer, als der für einen Mann? Auch gibt es immer noch ganz klassische "Stammtisch-Sprüche". Der Mann ist in der Clique hochangesehen, wenn er wechselnde Partner hat, die Frau ist im selben Falle jedoch direkt die "Schlampe", auf gut Deutsch gesagt. Das sind Dinge, bei denen müssen wir gesamtgesellschaftlich agieren. Daran merkt man, dass sexuelle Bildung durchaus eine politische Dimension hat. Hier geht es ja um große Themen, wie die Gleichstellung der Geschlechter.

Also würden sie die These unterstützen, dass wir auch in Deutschland auf sexueller Ebene von der Gleichstellung von Mann und Frau noch weit entfernt sind?

Ja, absolut. Ich erlebe das auch in der Paartherapie, dass Frauen oft ein schlechtes Gefühl haben, wenn sie die Wünsche des männlichen Partners nicht umsetzen. Da denke ich mir: warum ist denn die Zufriedenheit des Mannes wichtiger, als die Zufriedenheit der Frau? Wann und wo macht man das fest? Wenn man sich damit auseinandersetzt, stellt man fest: es gibt oft keine richtige Unzufriedenheit beim Mann. Man ist einfach in diese Rollen hineingewachsen. Wenn man das versteht, kann man diese Rolle auch verlassen. Man muss sich dessen nur bewusst werden. Und das ist eben genau die Idee von dem "Sex-Seminar". Konkretes Wissen in Bezug auf Sexualität vermitteln. Dieses Wissen ist wichtig für jeden, denn letztendlich ist Sexualität etwas, das Beginnt mit Null und geht bis Tod.

Bezüglich falscher Vorstellungen, vermittelt durch Pornos und den Fokus auf die männliche Lust, was muss und kann sich denn bei uns gesellschaftlich verändern?

Auch hier helfen Formate wie das "Sex-Seminar", um Wissen zu verbreiten. Es wäre toll, wenn es VHS-Kurse zu Sexualität geben würde, die auch Erwachsene nochmal besuchen könnten. Außerdem würde es helfen, wenn Menschen bereit wären, für Pornografie Geld zu zahlen. Es ist ja nicht so, dass es nicht auch gute Pornografie gibt, in der gleichberechtigter Sex gezeigt wird und Männer- und Frauenbilder anders vertreten werden. Die sind aber nicht in der Masse und kostenlos verfügbar. Da geht es auch um finanzielle Mittel, um solche Projekte zu fördern. Und dann sind wir wieder auf politischer Ebene, denn hier geht es um sexuelle Bildung. Man muss eben auch selbst mehr nach links und rechts schauen und zu Selbstreflexion kommen: Wie ist mein Bild von Sexualität und bin ich zufrieden damit? Wie gehe ich hiermit und mit meinem Partner, meiner Partnerin um?

Haben Sie Tipps, wie man herausfindet: Was will ich, was ist meine Sexualität?

Das grundlegende Fundament ist, der Zugang zu den eigenen Gefühlen und der eigenen Körperwahrnehmung. Hierbei spielt natürlich auch Selbstbefriedigung eine Rolle. Wenn ich selber weiß, wie ich mir schöne Gefühle mache, dann werde ich auch eher Anderen die Möglichkeit geben können, dass sie mir schöne Gefühle bereiten. Das andere ist die Sprachfähigkeit: Wenn man nie gelernt hat über Sex zu sprechen, dann ist das ein bisschen wie eine neue Sprache zu lernen. Und dafür braucht es eben auch Vokabeltraining. Man sollte sich mit seinem Partner, seiner Partnerin zusammensetzen. Gerade wenn die rosarote Brille abgenommen wird und der Alltag von außen hinzukommt. Alltag ist einfach ein Arschloch für Beziehungen. Um weiter zu machen, braucht es verbale und nonverbale Kommunikation.

Es gibt das sogenannte "Orgasm Gap", also die Tatsache, dass Frauen erwiesenermaßen weniger häufig zum Orgasmus kommen als Männer. Trotzdem gibt es beidseitig die Erwartungshaltung des gemeinsamen Kommens. Wie kann man diese Kluft besser akzeptieren und überwinden?

Ich sage immer zu den Leuten, mit denen ich arbeite: Wenn es wirklich dazu kommen sollte, dass Sie beide gemeinsam einen Orgasmus haben, dann machen Sie sich ein rotes Kreuz im Kalender. Denn anatomisch und biologisch gesehen, ist das wirklich ein riesen Happening. Feiern Sie das! Die höchste Form der Sexualität ist der gemeinsame Orgasmus? Quatsch! Es ist eben nur ein Teil davon. Um das zu realisieren, braucht es Aufklärung. Weil die Menschen zu wenig über sich und ihre Anatomie wissen.

Was könnte man sich denn aus Ihrer fachlichen Perspektive wünschen, worauf man auf sexueller Ebene als Gesellschaft in Zukunft hinarbeiten sollte?

Menschen sollten sich trauen, über Sexualität zu sprechen, sich trauen auch andere Menschen zu fragen, wenn sie bestimmte Dinge nicht wissen. Sie sollten auch mal Druck rausnehmen können, gelassener sein und Spaß an dem haben, was sie machen. Denn Sex ist einfach etwas total Schönes!